Veröffentlicht in Aus den Nachrichten

Militär-Putsch in der #Türkei: "Die historische Nacht" war ein großer Schreck

putsch türkei live videos„Putschversuch in der Türkei“, „Militär sperrt Bosporus-Brücken in Istanbul“, „Wir haben die Macht übernommen…“.
Wer gestern am späten Abend noch einmal die Nachrichten des Tages studieren wollte, wurde von den „Breaking News“ aus der Türkei überrascht. In den nächsten Stunden überschlugen sich die Ereignisse. Panzer auf Brücken und in den Städten, Kampfflugzeuge, Helikopter, Schüsse, TV-Studios wurden vor laufender Kamera eingenommen. Und vor allem stellte man sich immer wieder die eine Frage:
ist es jetzt gut, was passiert? Oder kommt die Türkei vom Regen in die Traufe? So wirklich beantworten konnte die Frage am gestrigen Abend niemand. Jetzt, fast 24 Stunden später, weiß man wohl: Erdogan ist mit seiner miesen Taktik der große Gewinner und wohl unantastbar geworden.
Fast könnte man meinen, dieser überraschende Putsch und das schnelle Ende wäre nur ein großes Schmierentheater gewesen.

„Historische Nacht für Medien und Redaktionen“
Immer wieder war in der Nacht die Rede davon, es wäre eine „historische Nacht“. Die deutschen TV-Sender ließen sich aber wie gewohnt Zeit mit einer Live-Übertragung. N-TV brachte zwar mit als einer der ersten Sender einen kleinen Überblick, wechselte dann aber spontan das Thema und zeigte Einspieler vom Anschlag in Nizza (Frankreich), die man den ganzen Tag über schon hunderte mal dort gesehen hatte.
Schön, wenn sich die Öffentlich-Rechtlichen Zeit für Recherche lassen wollen, aber Redaktionen, die so stark besetzt sind, sollten in der Lage sein, live über die Eindrücke zu berichten und später eine gut recherchierte Zusammenfassung zu bringen.
Noch schlimmer waren aber die privaten Sender: RTL zeigte den türkischstämmigen Comedian Kaya Yana und seine Witze über Blähungen, während in Istanbul das Militär aufmarschierte.

Das Internet bietet Möglichkeiten, die BILD diesmal hervorragend für eine Live-Sendung nutzte. Das mag nicht so hochseriös recherchiert daherkommen, wie ein ZDF-Spezial, aber war einfach schneller. Zudem konnte man auf Periscope und Facebook-Live hunderte von Videostreams verfolgen, die Privatmenschen in der Türkei anfertigten und die Welt somit am Putsch, aber auch an den Abwehraktionen teilhaben ließ.
Zum Teil erschreckend, aber auch wichtig.

„Der feine Herr Präsident…“
Wie nun alle wissen, ist der Versuch Erdogan zu stürzen gescheitert. Via Facetime (ja, Apple hatte seinen Anteil daran, dass Erdogan noch an der Macht ist….) und Liveschalte mit N-TV Türkei hatte der feine Herr Präsident die Bevölkerung dazu aufgerufen, für ihn zu demonstrieren. Das Volk hörte auch aufs Wort und fortan sah man Türken, die mit Hosengürteln auf Soldaten und Knüppel auf Panzer einschlugen.
Es hätte in einem Massaker enden können, während Erdogan sich irgendwo in Sicherheit brachte und andere seinen Kampf führten. Man kann wohl von Glück und Besonnenheit sprechen, obwohl etwa 200 Tote eigentlich eine andere Sprache sprechen. Mit schießwütigen Soldaten in den Panzern und an den Gewehren hätte diese Nacht noch tragischer werden können. Es war mindestens verantwortungslos, von der Bevölkerung zu fordern, man solle sich gegen die bewaffneten Soldaten stellen. Genauso war es erschreckend, wie viele Menschen diesem „Befehl“ entschlossen nachgekommen sind.

„Erdogan *säubert* das Land….“
Allein bei der Wortwahl läuft einem schon der kalte Schauer über den Rücken. Tausende Soldaten und Militärangehörige wurden festgenommen. Dazu fast 3000 Richter, Staatsanwälte und alles andere, was dem Präsidenten ein Dorn im Auge sein könnte.
Erdogan wird jetzt wohl in allen Bereichen freie Hand haben.
Wie man das nun findet, darüber kann man – zumindest zu Teil – geteilter Meinung sein. Auf der einen Seite ist Erdogan rechtmäßig gewählt worden, eine Entmachtung durch das Militär ist also zumindest fragwürdig. Auf der anderen Seite wurden in Deutschland aber auch mal Parteien rechtmäßig gewählt und die Geschichte zeigt uns, wohin das führte.
Die Nachricht, dass man in der Türkei darüber nachdenkt, für die Putschisten die Todesstrafe einzuführen, lässt einem erahnen, in welche Richtung es gehen könnte.

„Unterstützung aus Berlin-Kreuzberg“
Was man in den letzten 24 Stunden in den sozialen Netzwerken zum Teil lesen musste, lässt einem nicht nur mit dem Kopf schütteln, das löst schon eher Würgereiz aus.
Junge Männer feiern den türkischen Präsidenten, verurteilen Deutschland und die Deutschen ganz allgemein für einfach alles und freuen sich über den Tod der beteiligten Soldaten. Als Wohnort geben sie „Berlin-Kreuzberg“ im Profil an.
Ganz offensichtlich wollen sie ja selbst nicht in dieser Türkei leben, die sie in den sozialen Netzwerken aber als so positiv bezeichnen. Warum nicht? Es wäre doch so einfach, das verhasste Deutschland als Wohnort aufzugeben und in die Türkei, die sie in den Kommentaren als Paradies anpreisen, zu ziehen. Aber es halt doch irgendwie angenehmer, aus der Ferne Wasser zu predigen und Wein zu saufen.

Kurz gesagt empfand ich die angeblich „historische Nacht“ eher als „erschreckend“ in vielerlei Hinsicht. Von Demokratie war sie auf jeden Fall in allen Himmelsrichtungen weit entfernt. Und die Anführer dieses Putsches dürften ihrem Land einen Bärendienst erwiesen haben.

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